Valentin - mein kleiner Prinz
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(c) KeHe 2010
1. Brief an Valentin
Brief an Valentin

Mein geliebter Sohn,

ich schreibe Dir diesen Brief, weil es für mich die einzige Möglichkeit ist Dir zu erklären, warum Du diese Welt nicht entdecken wirst.

Als ich davon erfahren habe, dass es Dich gibt, war ich hin- und hergerissen. Mir war bewusst, dass ich eine alleinerziehende Mama sein werde. Dein Papa hatte wenig Interesse an Dir. Die Umstände dafür zu erläutern würde zu weit führen. Also lasse ich das.
Ich war mir nicht sicher, ob ich unser gemeinsames Leben so gestalten kann, dass wir beide glücklich und zufrieden sind. Doch ich hatte großartige Menschen um mich, die mich dabei unterstützt und bestärkt haben mich für Dich und somit uns zu entscheiden.

Von nun an freute ich mich auf jeden Arztbesuch. Ich konnte Deine Entwicklung beobachten, habe gesehen, wie aus einem "schwarzen Loch" ein Menschlein wuchs...nämlich Du, mein Sohn. Ich war eine entspannte Schwangere, hatte keinerlei Beschwerden, von denen man sonst so hört und machte mich an die Arbeit alles für Deine Ankunft und unser gemeinsames Leben vorzubereiten. Ich überlegte mir Namen, suchte Paten aus, informierte mich bei Behörden, klärte mit dem Arbeitgeber alle Möglichkeiten nach der Geburt ab, redete mit anderen Alleinerziehenden, kümmerte mich um die Wohnung usw. usf.

Besonders freute ich mich auf den Organultraschall, sollte ich Dich doch da das erste Mal in bunt, ganz genau und lange sehen.

Dann kam er, der 18. Februar 2010.

Schon morgens hatte ich ein komisches Gefühl im Bauch. War ziemlich nervös und unruhig. Ich kann Dir nicht sagen, woran das gelegen hat. Vielleicht war es eine Vorahnung, dass dies unser Schicksalstag werden würde.

Ich kam in der Praxis für Praenatal-Medizin und Genetik an und wurde schon sehr bald aufgerufen. Die Ärztin machte einen sympathischen Eindruck auf mich und sie fragte mich im Vorgespräch, was ich von der Untersuchung erwartete oder erhoffte. Ich antwortete ihr, dass ich sehr gerne mal Deine Arme sehen würde, da Du mir den Blick darauf bisher immer verwehrt hast.
Ab ging es also auf die Liege für den Ultraschall und sie fing an Deinen Füßen an zu vermessen und Bilder zu machen. Du warst wohl gerade aufgewacht, denn Deine Beinchen wurden in die Luft geworfen und Du hast doll gestrampelt. Vielleicht hast Du das auch gemacht, weil Du meine Nervosität gespürt hast, die immer noch da war.
Langsam tastete sie sich aufwärts. Wir erkannten nun ganz deutlich, dass Du ein Junge bist  
Deine inneren Organe sahen prima aus, alles hatte sich hervorragend entwickelt. Das Herz schlug so, wie es sich gehörte, der Blutkreislauf war in Ordnung.
Sie wanderte mit dem Ultraschall dann in Richtung Kopf. Auch hier machte alles einen tollen Eindruck. Das erste Mal etwas verdutzt schaute sie, als sie Dein etwas zurückgestelltes Kinn bemerkt hat. Sie frage mich noch, ob Dein Papa auch ein solches hätte. Ich konnte das verneinen.
Den Hals abwärts ging es Richtung Oberkörper. Und da kam dann der große Schock:

Sie konnte Deine Arme nicht sehen. Es gab - sowohl rechts als auch links - jeweils ein Schlüsselbein und auch ein Schulterblatt. Mehr war da nicht!
Die Ärztin kontrollierte noch mal aus einem anderen Blickwinkel und wurde immer ruhiger. Ich wusste sofort, dass was nicht stimmt und fragte auch nach. Sie hat mir dann bestätigt, was ich bereits im Gefühl hatte. Deine Arme fehlten!
Um sicherzugehen holte sie dann noch den Professor hinzu, der sehr intensiv suchte und ebenfalls keine Ärmchen fand.
Ich glaube ich werde diesen Schock in meinem ganzen Leben nicht vergessen.
Meine schlimmsten Befürchtungen schienen sich zu bewahrheiten: Du bist körperlich behindert.

Es wurde sich sofort sehr lieb um mich gekümmert. Eine Psychologin von donum vitae kam hinzu und hat das Gespräch mit mir gesucht. Eine Genetikärztin schaute über die Bilder und erklärte mir sehr viel über Chromosomenpaare und den ersten Verdacht, den sie hegt. Sie erklärte mir, dass eine Fruchtwasserpunktion mehr Aufschluß darüber geben könnte, was evtl. noch weiter nicht stimmt.
Ich habe all' diese Informationen aufgenommen, konnte sie aber nicht verarbeiten. Zu unrealistisch erschien mir die ganze Situation.

Meine ersten Gedanken waren: ich muss hier raus! Ich brauche Luft! Ich muss nachdenken!

Nachdem ich mir den kalten Wind um die Nase hab' wehen lassen (die Kälte hab' ich in dem Moment gar nicht gespürt), bin ich wieder in die Praxis und habe mitgeteilt, dass die Punktion durchgeführt werden kann. Du musst wissen, dass ich vor nichts mehr Angst habe als Spritzen und Nadeln, doch ich habe sie überhaupt nicht gespürt.

Nach der Untersuchung musste ich noch ein Weilchen liegen bleiben und da fing' ich das erste Mal an zu begreifen, dass tatsächlich mir das alles passiert. Und es kamen die Fragen auf, die mir niemand jemals wird beantworten können: WARUM ICH? WARUM DU? WARUM WIR?

Ich konnte nur noch weinen. Alle Träume, die ich über unser weiteres Leben gehabt habe zerplatzten in diesem Moment wie Seifenblasen. Es war ein Gefühl, als ob ich durch Watte laufe, Leute sehe, deren Lippen sich bewegen, aber ich höre die Worte nicht. Dann kam ich mir wieder so vor, als würde ich daneben stehen und beobachten wie all' das passiert. Ich sehe, dass ich es bin, die da liegt, kann es aber nicht realisieren. Es schien so unwirklich, nicht greifbar!

Nach einiger Zeit verließ ich die Praxis und machte  mich auf den Weg zu meinem Frauenarzt. An Arbeiten war nicht zu denken und ich wollte mir einen Krankenschein holen. Dort angekommen trafen mich schon die mitleidigen Blicke der Arzthelferin. Das Labor hatte bereits angerufen und das Ergebnis mitgeteilt. Ich ließ mir eine AU geben und ging nach Hause.
Wie ich dort angekommen bin weiß ich nicht. Von unterwegs habe ich Oma angerufen und drum gebeten, dass sie  mich abholt und mitnimmt. Ich musste reden, mich mitteilen!
Bei Oma & Opa angekommen bin ich dann einfach zusammengebrochen. Niemand konnte verstehen, was ich da sage. Dein Patenonkel war auch dort. Minutenlang hat er mich im Arm gehalten, damit ich meinen Tränen freien Lauf lassen konnte.
Ich hab' an den Gesichtern gesehen, wie hilflos sich alle fühlten und wie sprachlos alle waren.
Mir tat es in dem Moment einfach nur gut nicht allein sein zu müssen.

Kevin hat mich später nach Hause gefahren und ich war das erste Mal seit der Diagnose alleine. Nur sehr langsam konnte ich mich beruhigen. Am späten Abend rief dann Dr. Lübbers noch an und hat sich lange mit mir unterhalten. Auch er war der Meinung, dass ich jetzt erstmal versuchen sollte zur Ruhe zu kommen. Das wir auf das Ergebnis der Fruchtwasserpunktion warten müssten, um dann zu wissen, welche weiteren Krankheitsbilder wir ausschließen könnten.
Bisher stand aber immer noch das sogenannte "Norman-Roberts-Syndrom" im Raum.
Ich setzte mich sofort an den PC und versuchte herauszufinden, was genau das ist. Leider waren viele der Texte Abhandlungen von amerikanischen Universitäten und mein Englisch ist nicht gut genug, als das ich alles verstanden hätte, was dort steht. Am Ende wusste ich lediglich, dass bei diesem Syndrom mit fehlenden Extremitäten (in Deinem Fall die Arme) auch eine geistige Behinderung einhergeht, die Lebenserwartung zwischen 6 und 12 Monaten liegt und es weltweit nur wenig bekannte Fälle gibt. Insofern ist das Wissen der Medizin auch noch nicht weit fortgeschritten.
Ich war also immer noch nicht schlauer als vorher.

Die nächsten Tage verbrachte ich mit vielen Gesprächen, Recherchen im Internet und damit zu weinen.

Doch niemand, mit dem ich geredet habe, konnte mir wirklich helfen. Wie denn auch? Es waren gute Ansätze dabei, viele Infos, aber letztlich bin doch ich diejenige, die eine Entscheidung zu treffen hat. Und mir war klar, dass es eine sehr einsame und traurige Entscheidung werden würde.

Du warst seit fünf Monaten in meinem Bauch, ich fing an Dich zu spüren, mit Dir zu reden. Das alles machte es noch viel schwerer.

Ich war mir darüber bewusst, dass ich auch meinen Kopf einzuschalten habe. Würde ich nur auf mein Herz hören, hätte ich schon längst entschieden. Doch es gab viele Aspekte - die Zukunft betreffend - zu berücksichtigen.

Wie würde Dein Leben aussehen? Wäre es lebenswert? Wieviel Zeit wäre uns miteinander vergönnt? Was wird aus Dir, wenn mit mir etwas passiert und ich nicht mehr da bin? Wie würde unser Alltag aussehen? Hättest Du Schmerzen, die Du mir nicht mitteilen kannst? Könnte ich dem Druck und der Belastung als alleinstehende Mama standhalten?
Und viele, viele Fragen mehr gingen mir durch den Kopf.

Was genau den Ausschlag gegeben hat, mich zu einer Entscheidung durchzuringen weiß ich nicht mehr. Doch es gab diesen einen Moment, wo vermutlich der Kopf die Oberhand gewonnen hatte und mir sagte: Nein, ein Leben mit Valentin wird es nicht geben!

Es mag Leute geben, die denken, dass ich diese Entscheidung zu schnell, zu übereilt getroffen habe. Andere wiederum werden sagen, dass ich feige oder egoistisch bin.
Doch sind all' diese Menschen jemals in einer solchen Situation gewesen? Können sie nachempfinden, was in einer Mutter vorgeht, die sich für oder gegen ihr Kind zu entscheiden hat? Ich denke nicht, dass das so ist.

Ich habe dann Dr. Lübbers über meinen Entschluß informiert und ihn gebeten zu prüfen, inwieweit ich die rechtlichen Kriterien einer medizinisch-sozialen Indikation erfülle.

Lieber Valentin, ich möchte Dir doch nicht noch mehr Schmerz zufügen, als Du ohnehin erleiden wirst, wenn ich als Deine Mama Dich nicht leben lasse. Ich weiß, dass Du meine Zerrissenheit, meine Verzweiflung, meine Wut und Trauer genauso empfindest, wie ich auch.

Ich liebe Dich...sehr sogar...und es ist schon jetzt so schwer Dich loszulassen. Wie würde es uns beiden gehen, wenn Du auf der Welt wärst und wir jeden Tag damit rechnen müssten, dass wir ein gemeinsames Morgen nicht mehr erleben? Es klingt härter als es gemeint ist, aber ich bin der Meinung, dass wir den Tag des Abschieds selbst bestimmen sollten. Da Du Dich mir leider nicht mitteilen kannst, muss ich für uns beide entscheiden. Die Verantwortung dafür trage ich am Ende aber ganz allein und ich werde damit leben müssen.

Du kannst mir glauben, dass mir noch nie in meinem Leben etwas so schwer gefallen ist.

Mein geliebtes Kind, Du wirst immer Teil meines Lebens sein, vergessen werde und will ich Dich nie und ich hoffe einfach, dass Du ein klein bisschen verstehst, wieso ich diese Entscheidung in der Form treffen musste.

Vielleicht magst Du das ein oder andere Mal doch an Deine Mama denken, wenn Du neben Deiner Oma auf einer Wolke sitzt und Ihr gemeinsam runterschaut.

Verzeih' mir!

In tiefer Liebe,

Deine Mama
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  Update am 21.08.2015 in Briefe an Valentin / 73. Brief an Valentin  
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