2. Brief an Valentin
Mein geliebter Sohn,
einige Tage sind seit meinem Brief an Dich vergangen und vieles ist in der Zeit passiert.
Nachdem meine Entscheidung gefallen war, musste ich mich erneut mit den Ärzten von Praenatal zusammentelefonieren. In diesem Gespräch wurde mir erläutert, dass eine Ethikkommission aus den Praxisärzten darüber entscheiden würde, ob der Abbruch möglich ist, oder nicht.
Diese tagte am 24. Februar 2010 - also vor zwei Tagen.
Es mag in Deinen Ohren schrecklich klingen und vielleicht ist es das sogar, aber ich fühlte mich erleichtert, als ich hörte, dass die Kommission zugestimmt hat.
Am Nachmittag des selben Tages führte ich dann noch ein Gespräch mit zwei Ärztinnen von Praenatal, die mir die weitere Vorgehensweise erläutert haben.
Deine Mama muss jetzt am 04. März noch ein Gespräch mit der Psychologin führen und wird danach ins Krankenhaus gehen.
Zuvor muss ich jedoch nochmal zu Praenatal, da dort dann der sogenannte Fetozid durchgeführt wird. Das bedeutet, dass man in Deine Nabelschnur eine Kaliumchlorid-Lösung spritzt, damit Dein Herzchen aufhört zu schlagen. Ohne diese Prozedur ist der Abbruch nicht möglich. Das Risiko ist einfach zu groß, dass Deine Vitalfunktionen während der Geburt intakt bleiben und Du lebend auf die Welt kommst.
Es ist für mich ein schrecklicher Gedanke genau zu wissen, dass ich Dich auf diese Art und Weise aus dem Leben reiße.
Sagt der Mutterinstinkt doch sonst das genaue Gegenteil; nämlich das man alles tut, um das ungeborene Leben zu schützen.
Mein lieber Schatz, Deine Krankheit lässt mir nur leider keine andere Wahl. Jedenfalls keine, die mir zeigt, dass sie für Dich und mich erstrebenswert wäre.
Bereits in meinem ersten Brief an Dich habe ich berichtet, dass uns vielleicht nur sehr wenig gemeinsame Zeit vergönnt wäre. Wie diese aussehen würde weiß niemand. Sie könnte uns viel Freude bringen, aber auch noch viel mehr Leid, als es jetzt schon der Fall ist.
Jemand hat mir in der jüngsten Vergangenheit aufgrund der Ereignisse folgenden Satz mit auf den Weg gegeben:
Kinder suchen sich ihre Eltern aus und Valentin hat sich Dich ausgesucht, weil er weiß, dass Du das richtige tun und entscheiden wirst.
Ich würde Dich so gerne fragen, ob das wirklich so ist. Ob Du mich ausgesucht hast, weil ich für Dich und mich das richtige entscheide.
Es sind eine Menge lieber Menschen in meiner Nähe, die versuchen mich so gut es geht in dieser schwierigen Zeit zu unterstützen. Das ist natürlich nicht ganz so einfach, wie es sich anhört oder liest. Dennoch bin ich all' diesen Menschen unendlich dankbar. Sie helfen nicht nur mir, sondern tun auch etwas für Dich.
So ist z.B. bereits geregelt, dass Du bestattet werden kannst. Als "Sternenkind" in Düsseldorf.
Evtl. wirst Du sogar offiziell Deinen Namen bekommen, sofern das Standesamt mitspielt, was bisher aber ganz gut aussieht. Diese beiden Punkte waren mir so wichtig und ich bin glücklich darüber, dass sie sich realisieren lassen.
So können Dich all' die Menschen besuchen kommen, denen Du schon jetzt etwas bedeutet hast.
Mein geliebtes Kind, ich möchte den heutigen Brief mit den Worten vom Dalai Lama schließen. Jedoch nicht ohne Dir vorher gesagt zu haben, wie sehr ich Dich liebe!
Den Schmerz des anderen muß ich bekämpfen,
weil es genauso Schmerz ist wie mein eigener.
Der andere ist ein fühlendes Wesen genau wie ich.
Deshalb muß ich zu seinem Wohle handeln.
In tiefer Liebe,
Deine Mama